Mittwoch, 11. Februar 2009

Ein kleiner Exkurs in die Mediengeschichte


Mir ist soeben folgende Geschichte untergekommen: Bildblog ändert auf Wikipedia den etwas aus dem Ruder laufenden Namen des zukünftigen deutschen Wirtschaftsministers (aktuelle Kurzform: Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg). BILD und andere schreiben ab. Aufkeimende Zweifel an der Änderung werden in der Wikipedia-Gemeinde mit Hinweis auf die Medienberichterstattung weggewischt. Mittlerweile stellt sich der Minister in spe schon selbst mit dem überflüssigen Vornamen vor.

Ein exzellentes Beispiel dafür wie Medien Wirklichkeit produzieren - und das nicht zu ihrem Besten. Ich rieche die Kulturkritik und Medienschelte schon um die Ecke kommen. Aber war "früher" wirlklich alles besser?


Ein kleiner Exkurs in die Mediengeschichte


Am Anfang

Alle News wurden von Gott ausgerufen. Die Öffentliche Meinung wurde zwischen Adam und Eva ausgehandelt. Der Ton, zuvor meistens eher unkritisch, änderte sich erst als Gott Gebühren einführte.

Antike

Nachrichten mussten mit Boten geschickt werden, die sich den Inhalt dann entweder merken oder auf einer schweren Steintafel durch ägyptische Wüsten und über die griechische See schleppen mussten. Die Auflage betrug meistens Eins (für den Sonnenkönig oder aktuell herrschenden Tyrannen). Falls die Nachricht anschließend auf dem Marktplatz verlesen wurde, konnten Kritiker mit der Granittafel mundtot gemacht werden.

Mittelalter

Es gab ausreichend Dokumente und Archive, nur musste der mitteleuropäische Journalist zur Recherche jedes mal ins Kloster. Da diese nicht gerade für bequeme Erreichbarkeit bekannt waren und auf dem Weg allerhand Banditen und Zollbeamte lauerten, blieben die meisten daheim und erfanden ihre Geschichten selbst. Als Folge dominierten Hexen, sprechende Wölfe, essbare Häuschen, Mord und Vergewaltigung die Berichterstattung.

Moderne

Gutenberg erfindet den Buchdruck und Print wird nach nur 200 Jahren zum Massenmedium. Gebildete weiße Männer verhandeln in den Kaffeehäusern und Salons Europas Politik, Vernunft und Wahrheit. Die Auflagen sind gut. Frauen halten den Herd warm. Zeitungen gibt es mehr als man lesen kann, aber im Grunde schreiben alle von Kant, Mill und Voltaire ab. Das führt dazu, dass für die nächsten 200 Jahre alle an Fortschritt, liberale Demokratie, und Freihandel glauben.

Post-/Hyper-/Reflexive-/Spät-/Zweite-Moderne

Die meisten glauben immer noch an Wissenschaft, Fortschritt und Marktwirtschaft - solange es im Fernsehen läuft. Vera am Mittag ersetzt das französische Kaffeehaus. Die Frage nach den Kosten für Silikonimplantate läuft der Suche nach Gott den Rang ab. Zeitungen gibt es nur noch aus Prestigegründen.

Manche Journalisten versuchen vom Fernsehen abzuschreiben. Mit gigantischen Überschriften, seitenfüllenden Fotomontagen und der Agenda von Vera am Mittag können Verlage den drohenden Kollaps aufhalten. Unterdessen geben postmoderne Philosophen den Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriff auf. Ihre Lektüre wird in einigen Redaktionen verbindlich.

Heute (?)

Das Internet widerlegt postmoderne Theorien. Wahr ist das was auf Wikipedia steht. Wirklichkeit sind die Teile davon die Journalisten ohne Gewissensbisse zitieren können. Zeitungen kommen jetzt nur noch kostenlos mit der Post und informieren über die Wurstpreise bei LIDL. Fernseher sind flacher und verbreiteter als jemals zuvor. Sie verdrängen damit erfolgreich den Klang des Aquariums als beliebtestes Hintergrundrauschen für Zuhause.

Nachrichten liest man auf Blogs. Die Öffentlichkeit richtet ihre Aufmerksamkeit auf Themen die ihrer Lebenswelt besser entsprechen als die Produkte der konventionellen Medien. Berichtet wird vor allem über Technik-Gadgets, neue Web 2.0 Startups, Blogging, Meta-Blogging, Blog Economy und Filesharing.

Die Zukunft

Experten vermuten, dass Probleme wie globale Erwärmung, Krieg, Hunger und Völkermord durch geringes Öffentlichkeitsinteresse bis 2020 endgültig ausgelöscht sein werden. Zuvor entfernt Wikipedia aus Speicherplatzgründen selbige Themen aus der Datenbank. In einem wikikratischen Volksentscheid wird die Löschung verfügt, um die nötigen Kapazitäten für eine detailiere Aufschlüsselung jeder bisher ausgestrahlten CSI-Episode freizuräumen.

16 haben auch 'ne meinung:

Daniel Weigelt hat gesagt…

Klasse Artikel, sehr schön geschrieben!

weltgeist hat gesagt…

historiker sind rueckwaertsgewandte propheten, journalisten haben vorher immer alles schon gewusst, deutsche haben immer alles kommen sehen, waehrenddessen nichts mitbekommen und haetten im nachhinein natuerlich was dagegen unternommen - und seit karl kraus wissen wir das auch. wobei wir im nachhinein natuerlich trotzdem sehr schockiert sind.
aber wo bitte widerlegt das internet die postmoderne theorie, in der die realitaet eine diskursive praxis ist - obwohl es immer noch nicht aufhoert zu schneien, wenn ich meinen freunden am telefon erzaehle wir haetten 30 grad im schatten?

buchstaeblich hat gesagt…

Sage noch einer, es gäbe keine Hellseher!
;-)

Renke hat gesagt…

Hm, Gegenfrage:

Wer hat behauptet, daß früher alles besser war? Ich nicht, das/der BILDblog nicht, selbst die gescholtenen Medien schreien nicht in die Vergangenheit.

Dennoch finde ich die Skizzierung bezüglich Wikipedias Funktion in der zukünftigen Informationsgesellschaft äußerst interessant. Wer aber bitteschön hätte denn nicht gedacht, daß man von CSI noch was fürs Leben lernen kann ...

mr.plow hat gesagt…

doch doch, früher waren einige dinge besser. ich denke am besten war es im mittelalter. die geschichten waren reißerisch. keiner hat nach quellen gefragt und mit etwas glück wurde die eigene arbeit später zum kulturgut erhoben.

Renke hat gesagt…

Das allerdings entbehrt einer gewissen Logik nicht, und mal ganz realistisch gesehen, man ist doch auf dem besten Wege dorthin zurück. Nicht? Nach Quellen fragt ja nun schon keiner mehr, und was man wie eigentlich noch als Kulturgut definiert, tja, ich weiß es nicht. Wir werden sehen.

mittelwaechter hat gesagt…

Schöner Artikel! Besonders die Beschreibung der älteren Epochen regt doch zum Schmunzeln an. :)

Bernd hat gesagt…

gut geschriebener Text, zum glück haben wir noch eine Möglichkeit die Zukunft zu verändern...

Janko hat gesagt…

also ich interessiere mich eh nur noch für die Wurstpreise bei LIDL

Christian hat gesagt…

vielleicht ist die Informationsgüte des aktuellen Internets mit der allgemeinen Informationsgüte des Mittelalters vergleichbar.. also ist das Internet im Mittelalter. Anachronismus! Also in einem Wäscheschrank verstecken und warten, bis sich alles von selbst regelt.

bei dem essbaren Haus hab ich mich tierisch weggehauen ^^

-- Christian

mr.plow hat gesagt…

zur rettung von wikipedia kann angeführt werden, dass sich auf den seiten wichtiger einträge nicht mehr fehler finden lassen als in anderen so genannten "offline nachschlagewerken" ... wenn ich mir überlege wie wenig lust ich als professor hätte anonym beiträge für irgendwelche enzyklopädien zu schreiben. im ernst... andere schlagen sich die nächte um die ohren um den satzbau im eintrag "akzessorische Geschlechtsdrüse" zu verbessern.

Daniel H. hat gesagt…

Genauso wie Renke denke ich: "Wer hat behauptet, daß früher alles besser war?"

Ich behaupte: Früher war alles anders. Heute ist alles anders. Und morgen wird alles anders. Und egal ob wir das gut oder schlecht finden, was völlig subjektiv ist, es wird immer alles anders sein und werden.

Aber zwei Anmerkungen noch: "Wirklichkeit sind die Teile davon die Journalisten ohne Gewissensbisse zitieren können." Dem stimme ich nur bedingt zu. Vielmehr glaube ich, dass Journalisten auch MIT die Wirklichkeit konstruieren. Durch sie sind Präsidenten zurückgetreten und andere Skandale kamen an die Öffentlichkeit. Daher zitieren Journalisten nicht nur Wirklichkeit, sondern sie kreieren sie ebenfalls mit.

Dann: "Nachrichten liest man auf Blogs." Das ist leider falsch. Es trifft auf eine erschreckend kleine Minderheit zu. Die Mehrheit der Deutschen kennt Blogs nicht mal. Es werden zwar immer mehr, aber trotzdem viel weniger als manche glauben. Wie kommt diese falsche Wahrnehmung? Ich glaube: Dadurch, dass wir selbst bloggen und so in dieser Materie (Welt) drin sind, fällt uns gar nicht mehr auf, wie es wirklich in der Welt aussieht.

Wir müssen uns als Blogger immer wieder bewusst machen, dass wir trotz allem (trotz der vielen Blogs, Einträge, Verlinkungen und Kommentare) nur eine kleine Minderheit sind. Heute.

Wie das morgen aussehen wird, weiß keiner. Außer Gott. :) (Aber der Trend geht ja in diese Richtung, das ist klar)

Anonym hat gesagt…

"Bildblog ändert auf Wikipedia den [...] Namen des zukünftigen deutschen Wirtschaftsministers"
Falsch

mr.plow hat gesagt…

@anonym: jaja, schon klar. erstens war es jemand anderes der BB lediglich als plattform genutzt hatte, zweitens ist der gute freiherr von und zu bereits JETZT minister, und drittens heißt es "bundesminister für wirtschaft und technologie". solange das die einzige kritik an der faktizität meines beitrags bleibt bin ich beruhigt.

@daniel:
das sehe ich alles sehr ähnlich. ich hatte lediglich die übliche medienschelte antizipiert und mich gewundert ob sich jene die sich immer wieder in dieser form dazu äußern eigentlich darüber im klaren sind, dass viele probleme erst durch halbwegs unabhängige medien, halbwegs freien informationsfluss im internet, und halbwegs demokratischen zugang zu diesen rescourcen entstehen (gilt nur für einige regionen). natürlich ist es blöd wenn im auto die heckscheibe dreckig ist, der motor stottert und die bremsen nicht funktionieren. aber laufen möchte ich trotzdem nicht.

früher war alles anders als es heute anders ist. absolut. ich hoffe ich habe die gewalt und informationsknappheit des mittelalters nicht zu sehr romantisiert ;)

Daniel H. hat gesagt…

Mist, doofe Idee, meinen Kommentar bei dir in einen eigenen Blogeintrag zu fassen. Also: http://www.juiced.de/blog/2009/02/13/war-fruher-alles-besser-was-ist-wahrheit/comment-page-1/#comment-858

David hat gesagt…

Unterhaltsamer Artikel! well done... Dein Text umschreibt sehr schoen die Relativitaet jener Denkweisen ueber all diese Epochen hinweg. Da koennte man dann fast einen schritt weiter gehen und sagen, dass sich seid den Zeiten der Tyrannen und Grossherschern, bis auf die Umstaende, nicht viel geaendert hat. Menschen sind zumeist Herdentiere, diese Aussage und alles was sie mitsich bringt bietet fuer fast jede Diskussion ueber die "Human Condition" eine gewisse Grundlage.

Kommentar veröffentlichen