Freitag, 5. Juni 2009

Es war einmal im Märchenland Europa...

Oh Freunde, tretet näher und hört die Geschichte vom Reich das kaum ein Sterblicher zuvor betreten hat! Nach jahrelangem Studium der überlieferten Schriften, ist mir selbst kaum mehr bekannt, als der Mythos der sich um diesen fabelhaften Ort rankt: Europa ist sein Name! Erzähler mit flinker Zunge und magischer Feder reisten in entlegene Gefilde, um uns Kunde von Europa und seinen Bewohnern zu bringen. Zurück kamen sie erfüllt mit gleichermaßen Angst und Hohn. Man beschwor die rachsüchtigen Mächte der Finsternis jenseits der menschlichen Vorstellungskraft. Man spottete über das aberwitzige Land der "Melonenrüben", "Traubenkönige" und "Bananenkrümmer". Welch ein unbarmherziger Ort, an dem die süßesten Früchte zu den bittersten Heimsuchungen werden!

Dem Hofadel unserer Wahl ist die Kunde vom fernen Europa längst bekannt. Seine Legion namenloser Archivare hält die kryptischen Berichte und unmöglichen Karten der königlichen Entdecker bis heute unter Verschluss. Man munkelt die Schriften seien verflucht mit schwarzer Magie. Kaum jemand hat es bisher vermocht davon zu berichten. Um das Labyrinth der Zeichen verlassen zu können, müsse jede sterbliche Seele deren unschuldige Augen Einblick in das Innere der dämonischen Bände erhalten haben, den Rest ihres Lebens im Verließ der staubigen Blätter die 27 goldenen Schlüssel für die 27 Pforten der Unterwelt finden ... blind. Andere erzählen, jenen Wanderern, die mit den dunklen Mächten einen Pakt schlossen, wuchs das Getreide bis in den Himmel. Die Milch ihrer Kühe wurde niemals schlecht und jeder Tropfen ihres vergärten Obstes wurde auf der Zunge zu köstlichstem Wein. Doch ein ums andere mal forderte der Pakt seinen unsäglichen Preis. Die Milch wurde fettarm und der Wein lieblich. Jene die sich nicht das Leben nahmen, verloren ihren Verstand.

Lange vor unserer Zeit, erdachten die weißen Magier des Landes einen kühnen Plan, um die finsteren Mächte Europas in Schach zu halten: Alle vier Jahre entsenden die Menschen aller Ländereien ihre klügsten und tapfersten Söhne und Töchter in das Herz des finsteren Reiches. Nur sie — so die weißen Magier — hätten die Kraft und die Weisheit die 27 Geister der Unterwelt zu zähmen und ihre Zauberkunst für Gutes zu nutzen. Doch ihr Vorhaben weckte den königlichen Zorn. Wie kann ihre Majestät das Land regieren, ohne die Klugen und Tapferen? Wer soll ihre Schönheit preisen und das wertlose Stroh der Bauern zu Gold spinnen? Also bauten die Berater der Königin für die weißbärtigen Greise einen Turm aus Elfenbein, so hoch, dass kein neugieriges Ohr im Lande länger ihre Stimmen vernehmen konnte. Anstelle der Klugen und Tapferen wählte der Hofadel aus seiner Mitte jene unliebsamen Vasallen, deren ungeschickte Worte der Königin mehr schadeten als nutzten, deren Hinrichtung von Geburtswegen jedoch nicht in Frage kam.

Der Legende nach gab die Königin ihren einfältigen Vasallen feinstes Silber, edle Stoffe und seltene Gewürze mit auf den Weg, um den kosmischen Mächten der Finsternis den Schwindel schmackhaft zu machen. Manch Schandmaul behauptet sie hätten ihr Ziel nie erreicht. Bis heute überziehen gelegentlich Pest und Dürre das Land. Immer wenn sich Gift in das Wasser mischt, die Ernte verdorrt und Hunger das Volk geißelt, verfluchen die Menschen Europa und suchen Halt bei den Priestern des Landes. Ihr kühler Nektar heilt nicht nur die Wunden, sondern lindert auch den Schmerz der Seele. Im Tempel des heiligen Wassers hört man das Volk die Gläser heben und dem königlichen Abbild strahlend entgegen rufen "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium! Wir betreten feuertrunken, Himmlische, Dein Heiligtum."

2 haben auch 'ne meinung:

waveringlights hat gesagt…

ich weiß zwar nicht genau, ob das nun für oder gegen die EU war, aber ganz witzig fand ich es allemal. du solltest bei der FAZ die wahlberichterstattung übernehmen.

Robert hat gesagt…

FAZ? Das klingt eher nach Jungle World...

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