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Mittwoch, 19. August 2009

A Soldier of Love


New York - Er war einer der größten Kinderstars in der Geschichte des Fernsehens - jetzt ist Barney der Dinosaurier im Alter von 833 Jahren am Montagmorgen (Ortszeit) in New York völlig überraschend tot aufgefunden worden. Ein Gerichtsmediziner bestätigte gegenüber dem US-Fernsehsender CNN den Tod des Plüschdinosauriers. Dies ist ein Nachruf.

Barney der Dinosaurier starb arm und verlassen. Seine Fans—mittlerweile meist selbst Mütter und Väter—werden ihn als glamourösen Exzentriker, als tragische Ikone ihrer Generation im Gedächtnis behalten. War sein Kampf für eine moderne mediale Erziehung umsonst? Mit seiner bahnbrechenden Nachmittagsshow Barney & Friends revolutionierte der lila Plüschgigant Anfang der 90er Jahre das Unterhaltungsfernsehen für Kinder. Seine pädagogische Methode, Vorschülern triviales Wissen durch Musik, Spiel und Tanz zu vermitteln, erschütterte die Fundamente traditioneller Schulsysteme weltweit.

Trotz des spektakulären Erfolgs der Serie, geriet ihr antiautoritärer Protagonist schnell in die Schusslinie kritischer Pädagogen und konservativer Politiker. Die Abwesenheit klassischer Lehrmethoden, wie der öffentlichen Drangsalierung als Bestrafung für Unwissen oder der unsystematischen Rohrstockschelte, sorgten bereits nach wenigen Folgen für überschäumende Debatten über den Niedergang der abendländischen Kultur. Wiederholten Todesdrohungen und Puppenverbrennungen zum Trotz, setze der bekennende Homosexuelle in der zweiten Staffel mit der Einführung neuer, noch weniger bedrohlich wirkender Plüschcharaktere seinen idealistischen Kreuzzug fort.

Seine Kuschelstrategie ging auf. In der heilen Bildschirmwelt des Tyrannosaurus Rex, tanzten er und andere blutrünstige Landwirbeltiere Hand-in-Hand mit Fünfjährigen, anstatt sich an ihren zuckend-enthaupteten Kinderkörpern vor laufender Kamera zu laben, wie es bis dato im Fernsehen üblich war. Der Schock bei Eltern und Lehrern saß tief. Viele fürchteten den Tod des voyeuristischen Gewaltfernsehens und die ungewollte Rückkehr der elterlichen Erziehungsverantwortung. Auf seiner missionarischen Barney‘s Imagination Island-Tour stand der vom Time Magazine 1996 als "flauschiger Messias" bezeichnete Saurier auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Niemand hätte ihn zu diesem Zeitpunkt stoppen können. Niemand, außer ihm selbst.

Im Mai 1997 verkündigte Barney auf einer Pressekonferenz Barney & Friends—trotz Rekordeinschaltquoten—zugunsten anderer, "künstlerisch anspruchsvollerer" Projekte einzustellen. Inspiriert von seinen ehemaligen Programmkollegen Bert and Ernie, suchte das Kinderidol Anschluss in der zunehmend populären "Gangsta-Rap"-Szene.



Doch auch teure Features mit Snoop Doggy Dogg und dem Wu-Tang Clan konnten dem nun unter dem Pseudonym "Notorious B." bekannten Barney kein neues Zielpublikum eröffnen.



Schnell fehlte es Barney an den Mitteln, um seinen aufwändigen Lebensstil zu finanzieren. Zwischen seinen Auftritten, zog sich der sanfte Riese meist in seine monumentale Behausung zurück, eine künstlich geschaffene Biospähre im Herzen Floridas. Für das 17 Hektar umfassende prähistorische Reservat allein mussten über 200 Angestellte (15 von ihnen hochdekorierte Genforscher) in Lohn und Brot gehalten werden. Um schnell zu Geld zu kommen, ließ sich der zunehmend wunderlich erscheinende Koloss 2008 von den ehemaligen Produzenten seiner Show überreden, eine weitere Staffel zu drehen. Doch schnell wurde den anfangs begeisterten Zuschauern klar, wie schlecht es um ihren Helden in Wirklichkeit stand.

Von der Boulevardpresse nach Affären mit anderen prominenten Cartooncharakteren und hartnäckigen Kinderfressgerüchten geprügelt, tritt Barney—hier zu sehen in einer seiner letzten Folgen—nur noch mit Sonnenbrille und Kopfbedeckung vor die Kamera, um die offensichtlich gewordenen Zeichen des Verfalls zu verbergen. Ausgebrannt und abgemagert, wirken seine Bewegungen nervös, fast unbeholfen. Das einstig schillernde Idol einer ganzen Generation übersteht die Dreharbeiten nur mit Mühe. Mehrfach müssen Ärzte ihm hohe Dosen Schmerzmittel verabreichen. Auch seine heimliche Sucht nach Kinderfleisch war zu dem Zeitpunkt bereits kein Geheimnis mehr. Am Set folgten zwei Parkranger jedem von Barneys Schritten mit geladenen Betäubungsgewehren, um Übergriffe auf seine jungen Spielkammeraden zu verhindern.

Gestern wurde Barney im New Yorker West Village vor einer Grundschule tot aufgefunden. In New York State sind derzeit Sommerferien. Seine Familie wurde umgehend informiert, verweigert bislang jedoch jeden Kommentar. Über die genauen Umstände seines Ablebens kann zu diesem Zeitpunkt nur spekuliert werden. Ärzte halten Herzversagen für die wahrscheinlichste Todesursache. Zeit seines Lebens versuchte das warme Herz des großen Kaltblüters der Welt nur eines zu geben: Liebe. Doch selbst das laut Autopsiebericht 9 Kilogramm schwere Pumporgan in Barneys monströsem Leib, konnte gegen den noch älteren Hass und die noch gewaltigeren Vorurteile unserer Welt nicht ankommen. Aber wir, deine Fans, werden dich immer lieben Barney!

Sonntag, 5. Juli 2009

Down With the Sickness

Das Virus ist der beste Freund des Kindes. Erinnert sich noch jemand daran wie es war als Kind krank zu werden? Wenn man mit 10 Jahren fiebrig hustend aufwacht, ist das wie Weihnachten und Nintendo Wii-Verkaufseröffnung an einem Tag. Als erkälteter Halbwüchsiger durfte ich Tage, wenn nicht Wochen zuhause im Bett bleiben. Ich musste nicht zur Schule und konnte stattdessen das sagenumwobene Vormittagsprogramm von RTL und ProSieben genießen (aus heutiger Sicht eher ein Grund freiwillig Hausaufgaben nachzuarbeiten). Wenn mir meine Kinderärztin nach 2 Wochen vermitteln wollte, ich sei kerngesund und müsse ab morgen wieder zur Schule gehen, brach für mich eine Welt zusammen. Mein gespielter Schleimhusten blieb meist vergebens.

Für den Mann von heute gibt es nichts Ungelegeneres als eine Grippe. Egal was er mit seinem Leben vorhat, es scheint unmöglich zu warten bis sich der Körper von der potentiell lebensgefährlichen Infektion erholt hat. Besser das schrittweise Versagen der eigenen Organe einfach ignorieren bis „die Sache ausgeschwitzt ist“, als sich oder anderen Schwäche einzugestehen. Ärzte—ohnehin eine chronisch hysterische Berufsgruppe—müssen um jeden Preis gemieden werden. Der souverän-männliche Umgang mit jeder Art von Erkrankung unterscheidet sich kaum von einer gut gespielten Runde Poker: keine Miene verziehen und mitgehen.

Die ganze Nacht erbrochen und kaum in der Lage die Beine zu heben? Hoffentlich merken die Arbeitskollegen nichts. Schwere Entzündung der Bronchien? Kein Grund die eigene Mannschaft im Achtelfinale der Dorfliga im Stich zu lassen. Diese Logik weitet sich auch zunehmend auf die ehemals besonnenere Hälfte der Bevölkerung aus. Einst die pflegende Hand in meinem Leben, kann selbst meine Mutter nicht mehr warten bis ihre Gelenkentzündung abgeheilt ist, bevor sie den 12-Liter-Kasten stilles Wasser in den vierten Stock hochzerrt. Bekanntlich liegt der Calciumanteil im Leitungswasser 20% über der vom Mineralwasserverband empfohlenen Dosis.

Selbst Menschen die im Grunde nichts mit ihrem Tag anzufangen wissen, lassen sich von einer lächerlichen Grippe nicht einschüchtern. Der arbeitslose Pilsliebhaber vor dem LIDL-Markt nimmt seine alkoholistische Verpflichtung nicht weniger ernst als der Notaufnahmeleiter von dem er am Abend zuvor noch reanimiert wurde. Besonders hart trifft es den Kranken am Wochenende, wenn er sich vorgenommen hat „endlich mal wieder Spaß mit den Kumpels zu haben“. Sind jemandem am Samstagabend schon mal die leichenblassen Gesichter mancher Gäste in einem Striplokal aufgefallen? Nun, das sind Männer die sich die ganze Zeit denken „ich habe kein Gefühl mehr in meinen Gliedmaßen, aber meinen freien Tag lasse ich mir davon nicht vermiesen!“

Mittwoch, 29. April 2009

Erlebnisgesellschaft Revisited


Sommer 2009: Nachtrag. Der Asphalt dampft, der Himmel strahlt tiefblau--dazwischen spähen abgemagerte Geier ihre Beute aus. 475 Fernsehkanäle--auf 213 laufen Wiederholungen der ersten Buffy Staffel, die anderen gehören Scientology. Bezahlt von verzweifelten Abteilungsleitern, ziehen Flugzeuge dicht an den Scheiben der gläsernen Büropaläste vorbei, um den vor sich hinsiechenden Mitarbeitern dahinter für wenige Minuten Leben einzuhauchen.

Der spaßigste Ort der Stadt ist zu dieser Zeit--ganz recht--das neu-eröffnete Coney Island Playland! Für lächerliche $20 für Erwachsene / $15 für Kinder können sich alle jene die sich die Flucht aus der Stadt (vorzugsweise nach Disney Land) nicht leisten konnten, nach Herzenslust im kinderfreundlichen Naturreservat direkt vor der Haustür austoben. Drei preisgekrönte Landschaftsarchitekten haben nach Jahren pedantischer Planung ein Fleckchen Coney Island naturgetreu mit Hilfe verloren geglaubter Dokumente der ersten Siedler rekonstruiert. Nachgestellt wurde jener Landschaftstyp der vor Errichtung der Stadt die gesamte südliche Hälfte Brooklyns auszeichnete: die Schlammwüste.

Damit steht die neue Hauptattraktion des legendären Freizeitparks. Bürgermeister Bloomberg erklärte letzten Dienstag stolz in der New York Times: "Kaum zu glauben welch kleines Wunder das Architektenteam Kraft seiner Vorstellungskraft und rund $50 Millionen US-Dollar in nur vier Jahren realisiert hat." Der republikanische Milliardär fügte an: "Ich denke wir haben es mit diesem eindrucksvollen Beispiel Amerikanischen Fortschritts all jenen gezeigt, die gegen den Abriss des Coney Island Sozialbauprojektes waren oder ideologisch blind den baubedingten Kollaps des Abflusssystems vorhergesehen hatten."

Samstag, 25. April 2009

Madness and Civilization


Mein Facebook Newsfeed liest sich neuerdings wie der Wetterbericht: „32 Grad am Sonntag?! Das ist zu schön um wahr zu sein!“ Ein Kommilitone ist gerade „basking in Central Park“ und eine Frau die sich auf ihrem Profilbild mit einer schwarz-gestreiften Katze präsentiert, verkündet „the best season has officially started!!!1“ Kurze Zeit später treffe ich treffe eine Freundin zum Mittagessen. Es gibt Pan Thai (sehr lecker!). Ich verspüre den Drang mich über die Parallelen zwischen den vor einigen Tagen von der Obama-Administration veröffentlichten „Torture Memos“ und den verstörenden Verhörszenen in George Orwells 1984 zu echauffieren. Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Im ersten Schritt förderten speziell ausgebildete CIA-Mitarbeiter die schlimmsten Ängste des zu verhörenden Guantanamo-Insassen zu Tage. Im zweiten Schritt wurden selige Objekte panischer Angst (sagen wir Insekten) auf subtile Weise mit der Auskunftsbereitschaft des Gefangenen verbunden.

Die braunen Augen meiner Bekannten funkeln fröhlich. Ungewöhnlich in Anbetracht unfassbarer Gräueltaten. „Ist heute nicht ein schöner Tag? Ich hoffe es wird bald noch wärmer, dann kann ich endlich wieder leichtere Schuhe anziehen.“ Zugegeben, Sandalen haben etwas erfrischendes, ungeachtet ihrer modischen Grausamkeit. Trotzdem kann ich ihre alles andere in den Schatten stellende Glückseligkeit über den unvermeidlichen Gang der Jahreszeiten nicht ganz nachvollziehen. Das Pan Thai lässt immer noch auf sich warten. Ich werde langsam ungeduldig und gereizt. „Ach, ich erinnere mich, du kannst den Sommer ja nicht leiden“, lacht sie mir entgegen. Eine glatte Lüge. „Das liegt wahrscheinlich an deiner protestantischen Lebenseinstellung. Du solltest mal wieder etwas Spaß haben!“ Ich weiß nicht über welchen Teilsatz ich mich mehr aufregen soll.

Mir platz der Kragen. „Spaß!? Reden wir hier von der gleichen Jahreszeit?! Von allen Zeiten des Jahres ist der Sommer jene in der der Spaß als erstes in der sengenden Sonne verdampft! In welcher Stadt lebst du eigentlich? Das ist New York. In wenigen Wochen werden die Temperaturen in dieser Betonwüste die 40-Grad Marke erklimmen. Die mit maximaler Feuchtigkeit getränkte Luft wird mit toxischen Abgasen verschmelzen und eine undurchdringliche Wand atemraubender Schwüle bilden. Der Müll der zahllosen Imbissbuden wird anfangen zu verrotten, bevor er überhaupt die gierigen Mäuler der auf den Fußgängerwegen lauernden Rattenlegionen erreicht. Glücklicherweise wird der alles durchdringende Gestank von den wasserfallartigen Ausdünstungen von grob geschätzt 8 Millionen auf einer schmalen Insel eingeschlossenen Menschen überdeckt werden.“ In diesem Moment erreicht mich meine Nudelpfanne.

Schmatzend, aber nicht minder bestimmt fahre ich fort: „Die beißenden UV-Strahlen der von dir so geliebten Sonne werden unausweichlich ihren Weg durch das 'Ozonloch' genannte atmosphärische Scheunentor auf deine Haut finden. Die oberen Schichten deiner Epidermis werden beginnen langsam aber stetig zu verbrennen, während dein masochistischer Körper wohlig-warme Glückshormone ausschüttet. Jene Hautzellen die nicht das Glück haben abzusterben und sich dem Schuppenregen ihrer Freunde anzuschließen, werden als Krebszellen wiedergeboren werden, wenn sie nicht bereits als Metastasen aus dem letzten Sommer damit angefangen haben im Rest deines Körpers Strandurlaub zu machen. Vielleicht schaut auch mal jemand im Gehirn vorbei, denn im Angesicht gesundheitlich bedenklicher, jedoch von der Freizeitindustrie bejubelter Temperaturen ist die Schädelmasse längst zu einem gefällig wabernden Brei geworden. Der Sommer lässt einst noble Geschöpfe zu keuchenden, schwitzenden, schwerfälligen Haufen Biomasse welken. Von der einstigen Würde des Menschen, keine Spur. Eigentlich müsste die UNO einschreiten, aber leider werden derzeit die Klimaanlagen im Tagungsgebäude gewechselt.“

Meine Bekannte schaut mich an, mit gütigem Blick. „Aber im Sommer kann man so viele schöne Dinge machen! Am Strand liegen, im Biergarten sitzen…“ Ich muss unterbrechen: „Eine andere Wahl hat man auch nicht, in Anbetracht der sozialen, politischen und medialen Wüste die sich jedes Jahr um diese Zeit zwischen dem 50. Breitengrad und dem Äquator ausbreitet! Im so genannten Fernsehen werden die lächerlich dummen Sendungen aus der Main Season durch Wiederholungen noch dümmerer Sendungen aus dem Sommerlochrepertoire ersetzt. Parlamente und Redaktionen steigen Hand-in-Hand in die Party-Bomber nach Florida, Mallorca und Thailand. Kulturelle Events die sich nicht zwischen zwei Brötchenhälften pressen lassen werden kommentarlos verschoben. Niemand kann bei 38 Grad und 2,6 Promille Pollock anschauen ohne sich dabei übergeben zu müssen.“

Ich lobe das Essen, frage nach der Rechnung und fahre nahtlos fort: „Ich sehe das Bild schon vor mir: ein typischer Sonntagnachmittag im Juli. Ich trete auf die rissige Straße. Ich bin der letzte Mensch auf diesem Planeten. An der nächsten Kreuzung sehe ich einen flüchtigen Schatten durch den gelb-schimmernden Dunst huschen--oder war es nur eine Fata Morgana, eine optische Täuschung verursacht durch die Hitze des allmählich verdunstenden Asphalts? Aus der Ferne dröhnt die leiernd-verhallte Melodie eines Eiswagens. Aber sobald ich um die Ecke gerannt komme, ist er plötzlich verschwunden. Jeder Mensch bei Verstand verlässt die Stadt, bevor er Gefahr läuft selbigen zu verlieren. Jene unglückliche Kreaturen die nicht rechtzeitig fliehen konnten streifen ziellos, am Wahnsinn nagend durch die apokalyptische Einöde, die in Reiseführern euphemistisch als 'Coney Island' bezeichnet wird (obwohl es sich eigentlich um eine Halbinsel handelt). Ihre matten, klebrigen Körper schleppen sich durch die ungewisse Leere dahin schmelzender Seitengassen, gelegentlich betäubt mit einer Kugel Langnese Mango-Vanille oder einem Schluck Coca Cola Zero Cherry, geschlürft aus einem dosenartigen Aluminiumbehältnis das vage an die glorreiche Vergangenheit einer untergegangenen Produktionsgesellschaft erinnert.

Mein Gegenüber lauscht geduldig, während ich zum finalen Schlag aushole: "Nach den mühsamen 300 Metern zwischen Subway Station und der Wasserfront brechen die letzten Widerständler keuchend und zuckend im glühenden Sand zusammen. Pflanzen und Tiere sind längst dem sengenden Inferno zum Opfer gefallen. Nur eine schäbig bemalte Plastikpalme inmitten der weißen Einöde spendet rettende Wasserspritzer. Tod und Verfall, die alles verschlingenden Kinder des Sommers, haben die letzten Stadtbewohner zur Wiege allen Lebens getrieben. Auch ich lasse mich in den endlosen Ozean der bewegungslosen Körper fallen. Während mir der gelbe Feuerball den letzten Funken meiner Lebensenergie aussaugt und die Lieder langsam über meine vertrockneten Augäpfel sinken, höre ich mich selbst aus der Ferne sprechen: Halte durch! In 3 Monaten ist alles vorbei...“

Ich atme auf. Meine Bekannte und ich stehen vor dem Eingang des Thai-Restaurants. Auf der anderen Straßenseite steckt ein dicklicher Beamter einen gelben Zettel unter den Scheibenwischer eines Jeeps der Marke GM. „Hast heute noch was vor?“, fragt sie mit verschmitzter Unschuld. „Nö, nicht wirklich“, antworte ich teilnahmslos. „Hast du Lust mit in den Park zu kommen? Der botanische Garten hat seit letztem Montag wieder geöffnet.“ Ich willige erfreut ein. Dann kann ich mir unterwegs auch gleich ein Eis am Stiel mit Doppelt-Schokolade und Karamell kaufen (sehr lecker!).

Donnerstag, 9. April 2009

Maspeth, the Meaning of Pain?

Was passiert wenn man sich den Zorn von UPS einhandelt? Wie schon andere kafkaeske Mächte zuvor versteht es die weltweit größte Transportfirma ihre Kunden an unwirtlichen Orten zu unmenschlichen Zeiten absurde Dinge tun zu lassen, wenn man es wagt gegen der Funktionsweise der großen Maschine Widerstand zu leisten. Die Maschine ist in diesem Fall der New Yorker Auslieferungsdienst für Privatkunden und Widerstand bedeutet drei Mal den Lieferboten nicht empfangen zu haben. Er hätte wenigstens klingeln können.

Einmal in die Kategorie der Endabnehmer-Delinquenz hineingeraten, gibt es nur einen Weg die Gunst des freundlichen Konzerns mit dem verdächtig braunen Logo zurückzugewinnen: die Pilgerfahrt ans andere Ende der Welt--für den New Yorker: Long Island/Queens. Die zentrale Abfertigungsstelle des Bezirks New York liegt in Maspeth, NY, einem Ort über dessen Erreichbarkeit man sich erst in obskuren Internetforen informieren muss. Ich erwähnte den Ort gegenüber Einheimischen, erntete jedoch entweder dumpfe, fragende Blicke oder bitter schallendes Gelächter. Schwer zu sagen was davon beunruhigender war.

Ein kauziger Busfahrer nimmt mich von der Endhaltestelle des M-Trains mit zu meinem Ziel. Auf dem Weg sehe ich Amerika, geräumige Einfamilienhäuser neben traditionalen Queens-styled Mehrfamilienhäusern. Dazwischen Autos und Vorgärten. Sonst nichts. Schnell wird aus den Subprime Mortgage Domizilen eine endlose Industriehallenlandschaft. Ich steige neben einem Diner aus das mich gleich an drei Serienkillerfilme und eine ARD-Doku über den "American Decline" erinnert. Um mich herum erstrecken sich nichts als Beton und gähnende Leere.

Ich erinnerte mich an meine Mission und den Hinweis in einem der Foren doch möglichst eine Karte oder ein GPS-Gerät mitzunehmen. Letztlich führt mich die Spur eines UPS-Wagens zu einem gigantischen grau-braunen Kasten, einer umzäunten Lagerhalle vor der normalerweise Wachhunde und Selbstschussanlagen lauern. Das zerkratze Schild mit der Aufschrift "Customer Center" wirkt eher wie eine Falle. In der surreal dimensionierten Eingangshalle warten 5 untätige Mitarbeiter hinter einem langen Metalltresen. Im Hintergrund plätschert eine Jessica Simpson Ballade. Ein Schild weist darauf hin, dass hier Päckchen aufgegeben werden können. Den ausdruckslosen Gesichtern zufolge, wird jeder Kunde der tatsächlich etwas aufgeben will, einen kollektiven Herzinfarkt auslösen. Ich gehe einer Tür weiter und betrete die Lagerhalle, an dessen Eingang ein weiterer Tresen und ein kleiner Wartebereich eingerichtet sind.

"What can I do for you, sir?" In den Augen des Schaltermenschen flackert Angst auf. Werde ich ihn anbrüllen, ihm die Faust ins Gesicht rammen, für das Leider das mir bisher angetan wurde? Mitleid überwältigt mich und ich lege artig meinen Benachrichtigungsbeleg vor. Der Mann mit dem Dreitagebart und den kleinen Knopfaugen scheint verwirrt. Meine Daten werden umgehend abgerufen. "Bitte warten sie dort drüben." Seine Hand deutet auf eine Gruppe von Stühlen. Darauf sitzend, Menschen, jung und alt, gerade dabei unter ihren Jacken die Messer zu polieren--manche nicht nur sprichwörtlich. Eine ältere schwarze Frau erzählt mir über die Dreistigkeit von UPS sie hier raus zu bestellen und dann auch noch 15 Minuten warten zu lassen. Die anderen drei starrten gelangweilt und verbittert ins Leere. Nur ein Mann mittleren Alters mit Schnauzbart und Adidas-Hose grinst in sich hinein. Angst steigt in mir auf. Ich reiße dem UPS Mitarbeit das Päckchen aus der Hand und stürme ins Freie.

Auf der fußgängerwegfreien Straße zur Bushaltestelle frage ich mich wie häufig es hier wohl zu Amokläufen kommt. Meine gesamt Wut wurde aufgelöst in Sympathie für jene Menschen die dort täglich arbeiten. Ob die Obrigkeit Schwererziehbare hierher vermittelt um ihren Willen zu brechen? Vielleicht ist aber auch alles nur eine neue, abgefahrene Game-Show. Eines dieser Formate bei denen Menschen sich allerlei körperlichen und seelischen Belastungen aussetzen müssen, um am Ende mit einem großen Dollar-bedruckten Geldsack nach Hause gehen zu können. Hoffentlich.

Freitag, 20. März 2009

A Perfect Day To Chase Tornados

Der moderne Mensch--mit seinem Lebensraum zwischen klimatisiertem Einfamilienhaus, klimatisiertem Auto, klimatisiertem Bürogebäude und klimatisiertem Department Store--mag nur noch selten den Kontakt mit der so genannten "Natur" pflegen. Sie meldet sich ja auch nur wenn sie was will.

Allerdings bedeutet dieses Dasein nicht Isolation vom anmutigen Spiel der Naturkräfte. Im Gegenteil, die Wirtschaft selbst ist längst so weit zu wissen was draußen als nächstes passiert, vielleicht sogar bevor die Natur es selbst weiß. Der "umweltbewusste" Unternehmer von heute hat sich auf die wechselnden Gegebenheiten eingestellt und gut daran verdient.

Von dieser prophetischen Macht profitiert die ganze Menschheit. Ich weiß dass es regnen wird, wenn vor meiner Haustür Regenschirme verkauft werden. Je nach Preis kann ich ablesen wie stark der Regen sein wird. Wenn die großen 20 Liter Wassertanks und survival-sized Dosen Mais im Eingangsbereich meines Supermarktes stehen, ist es Zeit die Wäsche reinzuholen. Ähnlich verhält es sich mit den Jahreszeiten. Wenn die unterbezahlten Regalpacker die ersten Lebkuchen stapeln, weiß ich: der Sommer ist bald vorbei.

Nicht anders ist es im Fall des Osterfestes:
Damit ist es amtlich. Das Ende des Winters naht. Es muss so sein, denn während Meterologen und Vögel regelmäßig daneben liegen und nach zu zeitiger Rückkehr aus südlichen Gefilden überraschend erfrieren, müssen es die Hersteller von Plüschhasen, Bermudashorts und Einweggrillgestellen besser wissen. Seit hunderten Jahren im Geschäft, wissen sie wie die Welt tickt. Oder die Natur richtet sich mittlerweile nach ihnen und verdient heimlich mit.

Mittwoch, 18. März 2009

Winter Wonder Land


Ich habe es gestern tatsächlich mal zu einem NHL Game geschafft. Im opulenten Prudential Center. Gespielt haben die New Jersey Devils gegen die Chicago Blackhawks. Wir (New Jersey) haben natürlich gewonnen. Gewalt gab es zum Glück auch.


Leider musste aus Kostengründen die Nationalhymne von den Zuschauern selbst gesungen werden.


Kaum ging das Spiel los...


lagen die Devils auch schon in Führung...


was die 99% Devils Fans im Stadion durchaus zu schätzen wussten. Ich war ja insgeheim für die Blackhawks. Aus Mitleid.


Geknuddelt wurde natürlich auch...


nach dem 3:2 Sieg allerdings nur noch bei den Devils.


Die Fans waren aus dem Häuschen. Aber der Star des Abends...


war natürlich das Tornetz der Devils, das tapfer bis zur letzten Minute mit überragendem Einsatz für seine Menschaft gekämpft hatte.


Hmmm...

Die ganze Show.

Donnerstag, 12. März 2009

Lieber Winter,

Noch vor wenigen Tagen hast du uns fest im Griff gehabt. Den Montag durften wir uns noch die Bettdecke mit spätem Frühstück bekleckern und Nachmittags kleine Kinder mit Schnee einseifen. So viele Wonnen hast du uns dieses Jahr gebracht, doch nun ... nun bist du fort.

Wie konntest du nur! Wie sollen wir den Rest des Jahres nur ohne dich überstehen?

Wo sollen Hunde jetzt in der Betonwüste New Yorks ihre Notdurft verrichten?


Wie soll Unterwäsche richtig weiß werden, wenn nicht im Schneesturm?


Wo sollen junge Menschen ihre Stimme erheben? Im Internet etwa?


Bald wird die Möwe von Millionen sonnenanbetenden Strandsüchtigen aus ihrem natürlichen Lebensraum auf Coney Island vertrieben werden.


Die aktuelle Wintermode wird plötzlich verdächtig...

Lieber Winter, versprich dass du wieder kommst!

Montag, 16. Februar 2009

Sunrise, Sunset

Erstaunlich wie klein die Welt doch werden kann, wenn die Abschlussprüfungen nahen. Ich stehe morgens auf, prokrastiniere eine Weile, widme mich dem Lehrstoff, bemerke irgendwann den Einbruch der Dunkelheit und lege mich dann irgendwann wieder ins Bett. Gut, das ist jetzt eher noch das Ideal. In der Realität kann man die suggerierte effektive Arbeitszeit gerne halbieren. In jedem Fall fange ich an die Welt um mich herum zu vergessen.

Ich gehe zwar täglich unter Menschen, aber die Lichter Manhattans sehe ich
eher selten, und wenn, dann auf den Weg zu meiner Lerngruppe oder Bibliothek. Bestimmt steigen gerade die hippsten Partys der Saison. Alle Bands die ich niemals sehen werde feiern Reunion in der Stadt. Alkohol, Blackjack und Frauen Freunde sind verfügbar. Die große Kulturrevolution kommt endlich zum Sieg. Aber davon werde ich nicht so bald erfahren.

Jetzt kann ich mir vorstellen wie das Leben an Orten wie New Heaven (Yale), Princeton oder in jeder anderen Unistadt sein muss, wo wenige Meter hinter der Campusgrenze Bären auf Elchjagt gehen (oder umgekehrt). Ich vermute der Erfolg dieser Bildungseinrichtungen basiert auf der Tatsache, dass niemand der durch die Zeit feutfröhlicher Collegebesäufnisse durch ist eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung findet. Da stürzt man sich gerne in die Forschung und gewinnt Nobelpreise nur um für die Verleihung mal vom Campus runter zu dürfen.

Meine Welt ist zwar auch auf den Raum zwischen Apartment, faculty building und Bibliothek geschrumpft, aber wenigstens treffe ich dazwischen in der U-Bahn auf den Charme einer multikulturellen, pluralen, polykriminellen Großstadt. In Yale kann man froh sein, wenn der Hausmeister einen kanadischen Akzent hat. Gut zu wissen, dass es immer jemanden gibt den es schlimmer erwischt hat.