
Mir ist soeben folgende Geschichte untergekommen: Bildblog ändert auf Wikipedia den etwas aus dem Ruder laufenden Namen des zukünftigen deutschen Wirtschaftsministers (aktuelle Kurzform: Karl-Theodor Freiherr von und zu Guttenberg). BILD und andere schreiben ab. Aufkeimende Zweifel an der Änderung werden in der Wikipedia-Gemeinde mit Hinweis auf die Medienberichterstattung weggewischt. Mittlerweile stellt sich der Minister in spe schon selbst mit dem überflüssigen Vornamen vor.
Ein exzellentes Beispiel dafür wie Medien Wirklichkeit produzieren - und das nicht zu ihrem Besten. Ich rieche die Kulturkritik und Medienschelte schon um die Ecke kommen. Aber war "früher" wirlklich alles besser?
Ein kleiner Exkurs in die Mediengeschichte
Am Anfang
Alle News wurden von Gott ausgerufen. Die Öffentliche Meinung wurde zwischen Adam und Eva ausgehandelt. Der Ton, zuvor meistens eher unkritisch, änderte sich erst als Gott Gebühren einführte.
Antike
Nachrichten mussten mit Boten geschickt werden, die sich den Inhalt dann entweder merken oder auf einer schweren Steintafel durch ägyptische Wüsten und über die griechische See schleppen mussten. Die Auflage betrug meistens Eins (für den Sonnenkönig oder aktuell herrschenden Tyrannen). Falls die Nachricht anschließend auf dem Marktplatz verlesen wurde, konnten Kritiker mit der Granittafel mundtot gemacht werden.
Mittelalter
Es gab ausreichend Dokumente und Archive, nur musste der mitteleuropäische Journalist zur Recherche jedes mal ins Kloster. Da diese nicht gerade für bequeme Erreichbarkeit bekannt waren und auf dem Weg allerhand Banditen und Zollbeamte lauerten, blieben die meisten daheim und erfanden ihre Geschichten selbst. Als Folge dominierten Hexen, sprechende Wölfe, essbare Häuschen, Mord und Vergewaltigung die Berichterstattung.
Moderne
Gutenberg erfindet den Buchdruck und Print wird nach nur 200 Jahren zum Massenmedium. Gebildete weiße Männer verhandeln in den Kaffeehäusern und Salons Europas Politik, Vernunft und Wahrheit. Die Auflagen sind gut. Frauen halten den Herd warm. Zeitungen gibt es mehr als man lesen kann, aber im Grunde schreiben alle von Kant, Mill und Voltaire ab. Das führt dazu, dass für die nächsten 200 Jahre alle an Fortschritt, liberale Demokratie, und Freihandel glauben.
Post-/Hyper-/Reflexive-/Spät-/Zweite-Moderne
Die meisten glauben immer noch an Wissenschaft, Fortschritt und Marktwirtschaft - solange es im Fernsehen läuft. Vera am Mittag ersetzt das französische Kaffeehaus. Die Frage nach den Kosten für Silikonimplantate läuft der Suche nach Gott den Rang ab. Zeitungen gibt es nur noch aus Prestigegründen.
Manche Journalisten versuchen vom Fernsehen abzuschreiben. Mit gigantischen Überschriften, seitenfüllenden Fotomontagen und der Agenda von Vera am Mittag können Verlage den drohenden Kollaps aufhalten. Unterdessen geben postmoderne Philosophen den Wahrheits- und Wirklichkeitsbegriff auf. Ihre Lektüre wird in einigen Redaktionen verbindlich.
Heute (?)
Das Internet widerlegt postmoderne Theorien. Wahr ist das was auf Wikipedia steht. Wirklichkeit sind die Teile davon die Journalisten ohne Gewissensbisse zitieren können. Zeitungen kommen jetzt nur noch kostenlos mit der Post und informieren über die Wurstpreise bei LIDL. Fernseher sind flacher und verbreiteter als jemals zuvor. Sie verdrängen damit erfolgreich den Klang des Aquariums als beliebtestes Hintergrundrauschen für Zuhause.
Nachrichten liest man auf Blogs. Die Öffentlichkeit richtet ihre Aufmerksamkeit auf Themen die ihrer Lebenswelt besser entsprechen als die Produkte der konventionellen Medien. Berichtet wird vor allem über Technik-Gadgets, neue Web 2.0 Startups, Blogging, Meta-Blogging, Blog Economy und Filesharing.
Die Zukunft
Experten vermuten, dass Probleme wie globale Erwärmung, Krieg, Hunger und Völkermord durch geringes Öffentlichkeitsinteresse bis 2020 endgültig ausgelöscht sein werden. Zuvor entfernt Wikipedia aus Speicherplatzgründen selbige Themen aus der Datenbank. In einem wikikratischen Volksentscheid wird die Löschung verfügt, um die nötigen Kapazitäten für eine detailiere Aufschlüsselung jeder bisher ausgestrahlten CSI-Episode freizuräumen.