Samstag, 25. April 2009

Madness and Civilization


Mein Facebook Newsfeed liest sich neuerdings wie der Wetterbericht: „32 Grad am Sonntag?! Das ist zu schön um wahr zu sein!“ Ein Kommilitone ist gerade „basking in Central Park“ und eine Frau die sich auf ihrem Profilbild mit einer schwarz-gestreiften Katze präsentiert, verkündet „the best season has officially started!!!1“ Kurze Zeit später treffe ich treffe eine Freundin zum Mittagessen. Es gibt Pan Thai (sehr lecker!). Ich verspüre den Drang mich über die Parallelen zwischen den vor einigen Tagen von der Obama-Administration veröffentlichten „Torture Memos“ und den verstörenden Verhörszenen in George Orwells 1984 zu echauffieren. Die Ähnlichkeiten sind frappierend. Im ersten Schritt förderten speziell ausgebildete CIA-Mitarbeiter die schlimmsten Ängste des zu verhörenden Guantanamo-Insassen zu Tage. Im zweiten Schritt wurden selige Objekte panischer Angst (sagen wir Insekten) auf subtile Weise mit der Auskunftsbereitschaft des Gefangenen verbunden.

Die braunen Augen meiner Bekannten funkeln fröhlich. Ungewöhnlich in Anbetracht unfassbarer Gräueltaten. „Ist heute nicht ein schöner Tag? Ich hoffe es wird bald noch wärmer, dann kann ich endlich wieder leichtere Schuhe anziehen.“ Zugegeben, Sandalen haben etwas erfrischendes, ungeachtet ihrer modischen Grausamkeit. Trotzdem kann ich ihre alles andere in den Schatten stellende Glückseligkeit über den unvermeidlichen Gang der Jahreszeiten nicht ganz nachvollziehen. Das Pan Thai lässt immer noch auf sich warten. Ich werde langsam ungeduldig und gereizt. „Ach, ich erinnere mich, du kannst den Sommer ja nicht leiden“, lacht sie mir entgegen. Eine glatte Lüge. „Das liegt wahrscheinlich an deiner protestantischen Lebenseinstellung. Du solltest mal wieder etwas Spaß haben!“ Ich weiß nicht über welchen Teilsatz ich mich mehr aufregen soll.

Mir platz der Kragen. „Spaß!? Reden wir hier von der gleichen Jahreszeit?! Von allen Zeiten des Jahres ist der Sommer jene in der der Spaß als erstes in der sengenden Sonne verdampft! In welcher Stadt lebst du eigentlich? Das ist New York. In wenigen Wochen werden die Temperaturen in dieser Betonwüste die 40-Grad Marke erklimmen. Die mit maximaler Feuchtigkeit getränkte Luft wird mit toxischen Abgasen verschmelzen und eine undurchdringliche Wand atemraubender Schwüle bilden. Der Müll der zahllosen Imbissbuden wird anfangen zu verrotten, bevor er überhaupt die gierigen Mäuler der auf den Fußgängerwegen lauernden Rattenlegionen erreicht. Glücklicherweise wird der alles durchdringende Gestank von den wasserfallartigen Ausdünstungen von grob geschätzt 8 Millionen auf einer schmalen Insel eingeschlossenen Menschen überdeckt werden.“ In diesem Moment erreicht mich meine Nudelpfanne.

Schmatzend, aber nicht minder bestimmt fahre ich fort: „Die beißenden UV-Strahlen der von dir so geliebten Sonne werden unausweichlich ihren Weg durch das 'Ozonloch' genannte atmosphärische Scheunentor auf deine Haut finden. Die oberen Schichten deiner Epidermis werden beginnen langsam aber stetig zu verbrennen, während dein masochistischer Körper wohlig-warme Glückshormone ausschüttet. Jene Hautzellen die nicht das Glück haben abzusterben und sich dem Schuppenregen ihrer Freunde anzuschließen, werden als Krebszellen wiedergeboren werden, wenn sie nicht bereits als Metastasen aus dem letzten Sommer damit angefangen haben im Rest deines Körpers Strandurlaub zu machen. Vielleicht schaut auch mal jemand im Gehirn vorbei, denn im Angesicht gesundheitlich bedenklicher, jedoch von der Freizeitindustrie bejubelter Temperaturen ist die Schädelmasse längst zu einem gefällig wabernden Brei geworden. Der Sommer lässt einst noble Geschöpfe zu keuchenden, schwitzenden, schwerfälligen Haufen Biomasse welken. Von der einstigen Würde des Menschen, keine Spur. Eigentlich müsste die UNO einschreiten, aber leider werden derzeit die Klimaanlagen im Tagungsgebäude gewechselt.“

Meine Bekannte schaut mich an, mit gütigem Blick. „Aber im Sommer kann man so viele schöne Dinge machen! Am Strand liegen, im Biergarten sitzen…“ Ich muss unterbrechen: „Eine andere Wahl hat man auch nicht, in Anbetracht der sozialen, politischen und medialen Wüste die sich jedes Jahr um diese Zeit zwischen dem 50. Breitengrad und dem Äquator ausbreitet! Im so genannten Fernsehen werden die lächerlich dummen Sendungen aus der Main Season durch Wiederholungen noch dümmerer Sendungen aus dem Sommerlochrepertoire ersetzt. Parlamente und Redaktionen steigen Hand-in-Hand in die Party-Bomber nach Florida, Mallorca und Thailand. Kulturelle Events die sich nicht zwischen zwei Brötchenhälften pressen lassen werden kommentarlos verschoben. Niemand kann bei 38 Grad und 2,6 Promille Pollock anschauen ohne sich dabei übergeben zu müssen.“

Ich lobe das Essen, frage nach der Rechnung und fahre nahtlos fort: „Ich sehe das Bild schon vor mir: ein typischer Sonntagnachmittag im Juli. Ich trete auf die rissige Straße. Ich bin der letzte Mensch auf diesem Planeten. An der nächsten Kreuzung sehe ich einen flüchtigen Schatten durch den gelb-schimmernden Dunst huschen--oder war es nur eine Fata Morgana, eine optische Täuschung verursacht durch die Hitze des allmählich verdunstenden Asphalts? Aus der Ferne dröhnt die leiernd-verhallte Melodie eines Eiswagens. Aber sobald ich um die Ecke gerannt komme, ist er plötzlich verschwunden. Jeder Mensch bei Verstand verlässt die Stadt, bevor er Gefahr läuft selbigen zu verlieren. Jene unglückliche Kreaturen die nicht rechtzeitig fliehen konnten streifen ziellos, am Wahnsinn nagend durch die apokalyptische Einöde, die in Reiseführern euphemistisch als 'Coney Island' bezeichnet wird (obwohl es sich eigentlich um eine Halbinsel handelt). Ihre matten, klebrigen Körper schleppen sich durch die ungewisse Leere dahin schmelzender Seitengassen, gelegentlich betäubt mit einer Kugel Langnese Mango-Vanille oder einem Schluck Coca Cola Zero Cherry, geschlürft aus einem dosenartigen Aluminiumbehältnis das vage an die glorreiche Vergangenheit einer untergegangenen Produktionsgesellschaft erinnert.

Mein Gegenüber lauscht geduldig, während ich zum finalen Schlag aushole: "Nach den mühsamen 300 Metern zwischen Subway Station und der Wasserfront brechen die letzten Widerständler keuchend und zuckend im glühenden Sand zusammen. Pflanzen und Tiere sind längst dem sengenden Inferno zum Opfer gefallen. Nur eine schäbig bemalte Plastikpalme inmitten der weißen Einöde spendet rettende Wasserspritzer. Tod und Verfall, die alles verschlingenden Kinder des Sommers, haben die letzten Stadtbewohner zur Wiege allen Lebens getrieben. Auch ich lasse mich in den endlosen Ozean der bewegungslosen Körper fallen. Während mir der gelbe Feuerball den letzten Funken meiner Lebensenergie aussaugt und die Lieder langsam über meine vertrockneten Augäpfel sinken, höre ich mich selbst aus der Ferne sprechen: Halte durch! In 3 Monaten ist alles vorbei...“

Ich atme auf. Meine Bekannte und ich stehen vor dem Eingang des Thai-Restaurants. Auf der anderen Straßenseite steckt ein dicklicher Beamter einen gelben Zettel unter den Scheibenwischer eines Jeeps der Marke GM. „Hast heute noch was vor?“, fragt sie mit verschmitzter Unschuld. „Nö, nicht wirklich“, antworte ich teilnahmslos. „Hast du Lust mit in den Park zu kommen? Der botanische Garten hat seit letztem Montag wieder geöffnet.“ Ich willige erfreut ein. Dann kann ich mir unterwegs auch gleich ein Eis am Stiel mit Doppelt-Schokolade und Karamell kaufen (sehr lecker!).

7 haben auch 'ne meinung:

Anonym hat gesagt…

Reflection deluxe - dein bisher schönster Artikel.

izzy hat gesagt…

1.:...du bist nur böse, weil du im sommer deine fellmütze nicht tragen kannst...

2.: durch die verknüpfung mit einem mad-max-mel-gibson-in-jung-bild fügst du deiner elaborierten beschreibung von "hot" noch eine andere konnotation hinzu, was ich wiederum vorbildlich finde.

Christian hat gesagt…

Großartiger Beitrag! Auch wenn ich den Unmut über den Sommer nicht ganz teilen kann (ich bin ja noch in meiner kleinen, deutschen, naturverbundenen Welterbe-Stadt), werd ich diesen wunderbaren Erguss verlinken.

Also scheiß auf den New Yorker Sommer und komm ins schöne Dresden :)

-- Christian

Robert hat gesagt…

Solch unübertroffene Eloquenz solltest du wirklich in heimischen Landen verbreiten, nicht bei den Leuten, die Waterboarding als Mittel gegen die von Konservativen verursachte Wüstenhitze betrachten.

g.u. hat gesagt…

Ich erinnere mich noch an deine Beiträge aus dem Musik-ist-religion-genug Forum. Du solltest deine Energie nicht an wehrlosen Jahreszeiten auslassen sondern wieder den Mist aus der Kulturindustrie verreißen!

weltgeist hat gesagt…

"selige objekte" ist eine schöne idee, wenn auch eine, die in dem kontext garkeinen sinn macht. vermutlich sollten das seelische objekte sein, was aber auch keinen sinn macht. mit seelischer pein verbundene objekte macht sinn, klingt dafür aber, als hätte der hj-papst sich das ausgedacht. also was bleibt? die torture memos verschweigen.

mr.plow hat gesagt…

oha, danke für die blumen! das thema scheint ja mal alle zu interessieren. woran das wohl liegt? gestern waren es tatsächlich schwüle 32 grad... und ich habe bemerkt, dass ich in meiner neuen wohnung keine klimaanlage habe. wenigstens ein ventilator knattert über mir an der decke. schön!

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